Auf dem Weg zum VR Solar System

Es schien wirklich ein Fahrstuhl zu sein. Und er bewegte sich eindeutig nach oben. Das war eigentlich physikalisch völlig unmöglich, da war nichts mehr über dem Fahrstuhlschacht. Es rumpelte und pumpelte… Und für diese ‚fortschrittliche Technik‘ machte das Ding einen Höllenlärm. Vorbei mit der Ruhe. Vielleicht sollte, sobald sich die Tür wieder öffnete (falls sie es denn tat), der Sturm kommen. Die Anzeige rechts von mir zählte langsam hoch. Gleich war das letzte Lämpchen erreicht .
Der Blick in die unendlichen Weiten

Das Letzte Lämpchen. Eine gespenstische Ruhe kehrte ein. Die Tür öffnete sich ohne einen Laut. Und ich, ich blickte in einen unendlichen Sternenraum. Mir blieb fast das Herz stehen. Ich erwartete, dass jeden Moment mein Blut anfängt zu kochen und ich explodiere wie ein Ei in der Mikrowelle. Oder, dass ich zumindest keine Luft mehr bekomme. Aber nix. Alles war gut. Ich explodierte nicht, konnte atmen und schwebte auch nicht einfach in die weiten dieses Universums hinaus. Ich stand fest mit beiden Beinen am Boden und die Umgebung hatte sogar eine angenehme Temperatur. Alles gut.
Die Sicht auf das innere Sonnensystem

Nach dem ich meine Totenstarre überwunden hatte, trat ich vorsichtig heraus. Links von mir sah ich (und das erkannte ich natürlich sofort) unser inneres Sonnensystem. Dass ich das sofort erkannte, war nicht wirklich eine große Wissensleistung. Die Planeten trugen oberhalb Namenschilder. „Cool!“ Die Sonne störte ein wenig, ich war nicht auf Sonne eingestellt. Und ich hatte dementsprechend auch keine Sonnenbrille dabei; Sonnencreme schon gar nicht. Na mal sehen ob diese Räumlichkeit hier nicht eher den Namen Solarium anstatt Solarsystem tragen müsste. „Schaun wir mal“ dachte ich.
Die Sicht auf das äußere Sonnensystem

Gedacht, getan. Und so schaute ich und zwar in die andere Richtung. Und siehe da: das äußere Sonnensystem (das ich mit Kennerblick sofort erkannte ;-) ). Oha, einige Planeten sind ganz schön weit weg. Kaum noch zu lesen, wie die heißen. Aber insgesamt schienen die Proportionen nicht ganz zu stimmen. Hätten sie gestimmt, was hätte ich dann gesehen? Wahrscheinlich, ohne Teleskop, nichts! Ich kam Letzt endlich zu dem Schluss, dass es sich hier wohl nur um ein Model handelt, eine Veranschaulichung, eine Simulation. Trotzdem: „Cool!“
Fremdkörper

Und ich schaute weiter. Nach oben: nichts, nur Sterne. Nach unten: „Ei..jei jei, jei, jei“ Auf einmal wurde mir bewusst, auf welch schmalem Pfad ich wandelte. Und nichts mit Geländer oder ähnlichen Schutzmaßnahmen. Ich kam unweigerlich ins Taumeln, stürzte glücklicherweise aber nicht ab. Eine unsichtbare Barriere verhinderte dies. „Puhhh…“ Links unter mir sah ich ein Cyan farbiges Würfelobjekt, das vor sich hin waberte. Ich erinnerte mich an den kaputten Eisenträger und wieder ging mir durch den Kopf: „Kunst oder ein Versehen o d e r ein getarntes Borg-Schiff??"
Freier Fall 1

Diese unsichtbare Barriere zog mein Interesse auf sich. Ich versuchte sie zu ertasten. Ohne Erfolg, da war nichts. Ich versuchte das gleiche mit einem Fuß. „Aha!“ Da war was. Also noch mal. Linke Hand vor: Nichts. Linken Fuß vor: unsichtbare Wand. Rechte Hand vor: Nichts. Rechten Fuß vor: Mauer. Interessant! – Es gibt Menschen, die kommen nur manchmal auf dumme Ideen und es gibt Menschen die kommen scheinbar immer nur auf dumme Ideen – Mir kam gerade eine. Was würde passieren, wenn man einen Kopfsprung darüber machen würde? Nicht, dass ich das ausprobieren wollte, aber …
Freier Fall 2

… ich streckte beide Arme vor und beugte mich leicht nach vorn. Vielleicht einen Tick zu weit. Jedenfalls verlor ich das Gleichgewicht und die Frage, mit dem Kopfsprung, wurde unverzüglich beantwortet. KEINE BARRIERE BEI KOPFSPRUNG. Es ging ab jetzt, nur noch abwärts. Ich sah, wie der Kubus an mir vorbei glitt, bzw. ich an ihm. Und ich blickte über mich. Und das Sonnensystem wurde klein und kleiner und kleiner und verschwand schließlich.
Freier Fall 3

Und ich fiel und fiel und fiel immer weiter. Ich erwartete jetzt jeden Moment, dass mein Leben im Zeitraffer an mir vorbei zieht. Doch stattdessen ging mir nur der Refrain eines Videoclips auf youtube durch den Kopf: „Hast du eigentlich nen Knall? Nein, ich bin im freien Fall.“
Und auf einmal: „Peng.“ Nein, kein Aufschlag oder Ähnliches. Sondern…
Da waren wir schon mal

Ich stand auf einmal wieder im Fahrstuhl. Die Tür öffnete sich und ich blickte in den weiten Raum. Reset? Reboot? Egal, das kannte ich hier jetzt schon. Langsam bewegte ich mich zu der Plattform weiter vorne. Durch mein, jetzt etwas unsicheres, Gehen, eierte ich vorwärts. Trat aber doch des Öfteren daneben. Aber die Barriere hielt mich sicher auf dem Weg. Angekommen, warf ich einen Blick zurück. Mhhhhh…? Dieser Fahrstuhl hing tatsächlich im Nichts. Unglaublich.
Die Steuerkonsole

Ich wendete mich wieder der kleinen Plattform zu. Jaaa…, das ist doch mal wieder was für Papas Sohn. Ich hatte dieses Teil eigentlich schon von Anfang an im Blick gehabt. Wurde nur leider durch den schmalen Weg und die Barriere etwas abgelenkt. Was mag das wohl sein? Wofür waren die Hebel? Und was war das für ein seltsames Teil obendrauf?
Zeit-Zählwerk

Das Teil auf dieser „Konsole“ schien ein Zählwerk zu sein. Und dieses Zählwerk zählte Monate und Jahre. Ich versuchte auf die Schnelle die Erde in diesem Model zu finden. Jupp, passt. Die Erde hat sogar unsern Mond. Wenn der Mond einmal um die Erde rum ist, springt das Zählwerk einen weiter. Und wenn er 12 mal um die Erde rum ist, hat sich das Erd/Mond-Objekt einmal um die Sonne gedreht und die zweite Stelle von links zählt einen dazu. Mhhh? Ist so ein Zählwerk wichtig? Naja, vielleicht kann man die Umläufe der anderen Planeten besser einschätzen.
Power "ON"

Ich wandte mich wieder der Konsole zu. „Ohh.. Diese vielen, wunderbaren Hebel“ Und dann kam die Stimme meines Vaters in mir hoch: „Fass nichts an, wo du nicht weißt was passiert!“ Zu spät, meine Hand war schon am rechten Hebel und schob ihn nach vorne (ohne das ich etwas dagegen tun konnte :-) ). Die Konsole leuchtete auf und ich bemerkte, dass sich auch hinter mir etwas tat. Die Plattform war verriegelt. Keine Chance mehr auf den schmalen Pfad zu kommen. Aber ich dachte: „Sehen wir erstmal weiter. Gibt ja noch mehr Hebel. Und in mein Gesicht setzte sich ein breites Grinsen.
Die Steuerung

Nach dem die Konsole aktiv war, erklärten sich die anderen Hebel fast von selbst. Es war eine Steuerung. Es war die Steuerung für diese Plattform, die sich langsam aber sicher vom Steg entfernte. Ich probierte alles aus. Vor, zurück, links, rechts, auf und ab. Machte Spaß. Zu meiner Enttäuschung stellte ich leider fest, dass das nicht gerade ein Rennwagen war. Um einen der sich bewegenden Planeten zu erreichen, müsste ich schon etwas Geduld aufbringen. Also fast wie in der wirklichen Raumfahrt.
Perspektive vom Merkur

Während ich so dahin tuckerte, sah ich mir die Anzeigen mal etwas genauer an. Aha, Anzeigen für die Positionsbestimmung und … ?! Was heißt denn hier Autopilot? Meine Reflexe siegten mal wieder über meine Vernunft. Schon hatte ich darauf rum getipselt. Und, was passierte wohl? Ich war in einer anderen Position. Ich hatte mich an den Merkur geheftet. Ich wurde wild hin und her geschleudert. Seine nahe Position an der Sonne, brachte mir fast ein Schleudertrauma.
Perspektive vom der Venus

Ich fummelte noch einmal am Autopiloten rum. Und „zack“ wurde es etwas ruhiger. Über mir hing die Venus. Die Anzeige zeigte ebenfalls „Venus“ an. Und ich konnte die Erde mit ihrem Mond erkennen. Insgesamt war es angenehmer als in der Umlaufbahn des, eher unwirschen, Merkurs. Trotz meines eher kurz anhaltenden Ausfluges, hatte ich das Gefühl, ich komme gleich heim. Noch einmal betätigte ich den Autopiloten.
Perspektive vom der Erde

Die Anzeige sprang auf Erde. Ich sah mich ein wenig um. Selbst entferntere Planeten wie Jupiter und Saturn waren deutlich zu erkennen. Über mir schwebte die Erde, umkreist von ihrem Begleiter, dem Mond. Ich verweilte etwas länger in dieser Umlaufbahn. Doch die Neugier (eigentlich ein witziges Wort. Bestehend aus „neu“ und „gier“. „Gier“, wie Begehren, der Trieb nach etwas.. nämlich nach etwas Neuem, Unbekannten. ) trieb (hihi, das passt doch) mich weiter.
Perspektive vom Mars

Der nächste Klick brachte mich in die Marsumlaufbahn, zum kleinen Bruder der Erde. Ich stellte fest, dass die Sonne langsam kleiner wurde. Einmal fix umgesehen und es ging zum nächsten Planeten, Mars war langweilig, zumindest hier.
Perspektive vom Jupiter

Die Sonne wurde noch mal ein ganzes Stück kleiner. Über mir thronte der gewaltige Jupiter. Ich versuchte einen der Monde, wie Europa oder Ganymed zu entdecken. Aber nix, keine Monde. Die hatten sich die Monde einfach gespart. Mal sehen wie es beim Saturn aussieht, ob sie sich dort auch die Ringe gespart hatten.
Perspektive vom Saturn

Die Sonne wurde noch einmal um ein ganzes Stück kleiner. Ich blickte hoch und da, da war der Saturn mit seinen Ringen. Die Ringe waren allerdings nicht ganz so spektakulär, wie ich sie mir vorgestellt habe. Aber…, auch wieder keine Monde. Nicht mal ein Kleiner. Ich genoss eine Zeitlang den Ausblick von hier und das scheinbar langsame Treiben des Jupiters auf seiner Bahn.
Perspektive vom Uranus

„Nächste Haltestelle: Uranus. Und halten sie bitte die Fahrkarten bereit.“ Ich betätigte den Autopiloten erneut und kam mir dabei vor wie der Lokführer eines interstellaren Schnellzuges. „Uiii!“ Die Sonne wurde noch mal ein ganz schönes Stück kleiner. Man bemerkte kaum noch, dass man sich bewegte. Und dieser (dämliche) Würfel war auch kaum noch zu sehen. Ich bekam langsam ein Gefühl der Stille, obwohl es die ganze Zeit schon still war. Schaun wir mal, wie das noch weiter draußen ist.
Perspektive vom Neptun

„Nächste Haltestelle: Neptun – Endstation.“ – „Wow, alles ganz schön weit weg.“ Mein Blick fiel zufällig auf eine Armatur mit der Aufschrift: „Zeitfaktor“. Da hatte ich noch nicht mit rum gespielt. Aber jetzt. „Nicht schlecht!“ Mit dieser Armatur konnte man die Zeit beschleunigen und verlangsamen. Das hätte ich am Merkur schon wissen sollen; wäre bestimmt angenehmer gewesen. Aber das war jetzt auch egal, dieses Gefühl hier, ganz außen zu sein, war schon beeindruckend.
Abgenabelt

Beim näheren Hinsehen am Autopiloten, entdeckte ich, dass ich ihn hätte jederzeit ausschalten können. Was ich dann auch tat. Der Neptun erschien langsam vor mir. Ich übernahm die manuelle Kontrolle über die Plattform und reiste noch ein wenig weiter.
„Lost in space – verloren im Raum“

Wenn das Gefühl schon vorher beeindruckend war, wurde es jetzt.. Beklemmend. Ich bekam ein seltsames Gefühl in meiner Bauchgegend. Dieses Gefühl nannte sich? Na? Nein, nicht Heimweh, sondern: „Hunger!“ Ich bekam bereits Geruchshalluzinationen von gebratenem Kotelett und hörte von Ferne, wie mich meine Frau zum Essen rief. Oh man, es wurde Zeit einen Weg, weg von hier, zu finden. Zurück. Da sah ich die Lösung: „Start/Home“. Ich riss den rechten Hebel zurück auf „Home“.
Zurück am Portal

Die Plattform dockte, von jetzt auf gleich, etwas unsanft wieder an den schmalen Steg an. Mein Hungergefühl wurde stärker, genauso wie die Stimme meiner Frau energischer wurde. Mit den Resten meiner mir verbliebenen Kräfte, machte ich mich auf zum Fahrstuhl. Ich musste irgendwie sehen, dass ich zurückkam. „Ich muss, ich muss, ich muss“ sagte ich mir. Und dann… Und dann geschah das Unfassbare.
Und es wurde Nacht

Es wurde schlagartig dunkel vor meinen Augen und ein Hand legte sich sanft auf meine Schulter. Meine Frau hatte den Monitor ausgeschaltet. Sie hatte wirklich den Monitor ausgeschaltet und sagte mit ruhiger, aber bestimmter Stimme: „Komm jetzt endlich, das Essen wird doch ganz kalt. Du kannst nachher weiter machen.“ So fand ich meinen, wenn auch unerwarteten, Weg aus diesem mysteriösen Portal zurück
Fortsetzung folgt: Seite 3 „Virtual Gallery: Brainstorming“